3. Nachhaltigkeitskongress der ZIRP – unser Resümee

Was sagen Unternehmensvertreter und die Politik zu unserem Lieblingsthema: Nachhaltigkeit in Unternehmen? Wo sind die Chancen, wo treten Schwierigkeiten auf? Wir besuchten am letzten Donnerstag den Nachhaltigkeitskongress der ZIRP ZukunftsInitiative Rheinland Pfalz „Investition & Return: Mehrwert durch Nachhaltigkeit„, um unser Bild zu vervollständigen.

Bild: Podiumsdiskussion mit der Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Dr. Dirk Voeste (BASF), Christian Schwarz (Zschimmer & Schwarz)

Der O-Ton eines großen Konzerns und des Mittelstandes: Nachhaltigkeit muss sich wirtschaftlich lohnen. Leider war bei den Diskussionen wenig davon die Rede, für wen sich Nachhaltigkeit außerdem lohnt. Eine umfassende Bewertung der langfristigen Effekte nachhaltigen Wirtschaftens für Gesellschaft und den Planeten haben wir in der Diskussion weitgehend vermisst.

Insbesondere kleinere Unternehmen haben die Befürchtung aufgrund kleinerer finanzieller Spielräume die Anforderungen nicht erfüllen zu können – dies müssen sie langfristig jedoch tun: Als Zulieferer der großen Konzerne, die sich wiederum immer mehr an die politischen Forderungen nach Nachhaltigkeit anpassen müssen, werden auch „die Kleinen“ immer mehr Standards erfüllen müssen.

Unsere CSE-Unternehmen sind hier natürlich gedanklich schon viel weiter. Sie haben verstanden, dass Nachhaltigkeit und ein gesundes Unternehmen zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Diese Denkweise muss unserer Meinung nach noch mehr in die Nachhaltigkeitsdebatte von Unternehmen und Politik Einzug halten. Nachhaltigkeit darf nicht zum lästigen „Pflichtthema“ bei Unternehmern werden.

Ein CSE-Kongress mit unseren CSE-Pionieren, anderen Nachhaltigkeitsperformern und -interessenten sowie politischen Vertretern ist anzudenken, somit könnte die Nachhaltigkeitsdebatte sicherlich bereichert werden.

Bildmaterial der ZIRP

Zur Pressemeldung der ZIRP

Zertifizierte Nachhaltigkeit jetzt branchenübergreifend

CSE-Standard für Handel und Dienstleistungen erweitert

Mit der Ausweitung ihres Standards „Certified Sustainable Economics“ (CSE) setzt die Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsethik (GfaW) einen Meilenstein im Bereich der Zertifizierung von Nachhaltigkeitsleistungen. Neben reinen Produktionsunternehmen können durch eine Weiterentwicklung des Labels nun auch Handels- und Dienstleistungsbetriebe das anspruchsvolle Siegel nutzen und auf diese Weise ihre Vorreiterrolle manifestieren. CSE wächst damit zum einzigen unabhängigen, branchenübergreifenden Nachhaltigkeits-Standard der Republik und stellt ein verlässliches Qualitätskennzeichen für Verbraucher dar.

Die stetige qualitative Weiterentwicklung orientiert am aktuellen Stand des Wissens ist von jeher Grundlage des insofern dynamischen Standards. Jährlich werden in der Arbeitsgruppe „Lebendige Nachhaltigkeit“, einem Gremium aus Pionieren der einzelnen Branchen, Wissenschaftlern und Zertifizierungsstellen, die Kriterien überprüft und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und rechtlichen Anforderungen angeglichen. Längst ist etwa das Einhalten der ISO 14001 Teil der Zertifizierung und ganz aktuell als Sozialklausel z.B. eine Begrenzung der Lohnschere innerhalb des Unternehmens.

Im Zuge der Erweiterung wurden innovative Vertreter aus den Bereichen Handel und Dienstleistungen mit in die Arbeitsgruppe „Lebendige Nachhaltigkeit“ aufgenommen. Sie gewährleisten das hohe Niveau des CSE-Siegels in Anlehnung an die „Best Practice“ ihrer Branchen.

Verbraucher profitieren insbesondere von dem umfassenden Charakter des Labels, das weit über reine Produktzertifizierungen hinaus das Nachhaltigkeits-Engagement des ganzen Unternehmens erfasst. Pseudo-Image und Greenwashing haben unter CSE keine Chance.

Stellungnahme zum Regierungsentwurf Deutsche Nahchaltigkeitsstrategie

Stellungnahme zum Regierungsentwurf der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie vom 31. Mai 2016

Bad Sooden-Allendorf, den 28.07.2016

Die GfaW Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsethik begrüßt die Absicht der Bundesregierung, ihre Nachhaltigkeitsstrategie fortzuentwickeln, um ihren Beitrag zum Erreichen der Sustainability Development Goals der Agenda 2030 zu leisten.

Als wesentlichen Schritt zu einem partizipatorischen Demokratieverständnis bewertet die GfaW zudem das Einbeziehen der Öffentlichkeit in diesen Prozess durch die Möglichkeit von Stellungnahmen und hofft, dass über diese Anregungen hinaus für Nachhaltigkeit engagierte Verbände, Institutionen und Initiativen konsequent in die Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie eingebunden werden. Aus unserer Sicht steigen die Erfolgsaussichten zur Lösung der globalen Probleme mit der Beteiligung möglichst vieler Akteure.

In seinen konkreten Lösungsansätzen bleibt der Strategie-Entwurf aus Sicht der GfaW weit hinter bestehenden Möglichkeiten zurück. Auch wenn verständlich ist, dass die Bundesregierung ihre eigenen Initiativen im öffentlichen Sektor hervorheben möchte, fehlt uns stärkeres Engagement zur Nutzung des großen bestehenden Potenzials im Bereich privatwirtschaftlichen Handelns. Zahlreiche nachhaltig wirtschaftende Akteure gehen bereits beispielhafte Wege und bewegen sich mit ihrer Wirtschaftsweise auf höchstmöglichem Niveau.

Die GfaW empfiehlt deshalb dringend eine Bestandsaufnahme dieser Best-Practice-Initiativen, die bereits durch die Auszeichnungen der Werkstatt-N und andere hervorgehoben werden. Um den aktuellen Stand des Wissens und den Status Quo in Sachen Nachhaltigkeit zu erheben, unterstützen wir ebenso ausdrücklich das vom Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung angeregte Anlegen eines öffentlichen Registers aller bestehenden Nachhaltigkeits-Siegel, -Label und -Kriterien sowie deren sachkundige Bewertung.

Im Detail rät die GfaW zu folgenden Maßnahmen die unterschiedlichen Ziele betreffend:

  1. Ziel 2 „Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.“

    Die Förderung von Forschung und Entwicklung ökologischer Landbewirtschaftung ist begrüßenswert, aber nicht hinreichend. 20 % Ökolandbau sind bereits lange erklärtes Ziel der Bundesregierung. Eine zunehmende Nachfrage nach ökologisch erzeugten Lebensmitteln wird allerdings nicht allein über Forschung und Aufklärung erreicht, sondern mehr als ergänzend durch politische Rahmengebung. Längst ist eine Gesetzgebung überfällig, die eine Vollkostenrechnung in der Landwirtschaft gewährleistet, damit nicht weiterhin interne Kosten in hohem Maß externalisiert werden können. Dieser Marktnachteil ökologischer Anbieter ist angesichts der gegenwärtigen Ausbeutung von Boden und Wasser sowie der Verschwendung und Vernichtung weiterer natürlicher Ressourcen nicht duldbar.

  2. Ziel 8. „Dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern“

    Das Wirtschaftswachstum (gemessen am BIP) als Indikator für Lebensqualität ist überholt. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von anderen, treffenderen Ansätzen und Methoden Wohlstand zu messen. Die GfaW empfiehlt differenzierte Wohlstandsindikatoren zu nutzen, wie Gesundheit, Zufriedenheit, Sicherheit etc.

    Die Erfahrungen aus dem Textilsektor hinsichtlich der globalen Lieferketten auf weitere Produktionswege zu übertragen ist ein sinnvoller erster Schritt. Doch reicht es nicht aus, sich auf einen medienwirksamen Ausschnitt zu konzentrieren. In anderen Bereichen herrschen ähnliche oder schlimmere Arbeitsbedingungen. Und es bleibt das grundsätzliche Problem: Wachstumsorientierung hierzulande funktioniert offensichtlich nur auf Kosten derer am Anfang der Lieferkette. Auch hier werden Folgen externalisiert. Deshalb: Reduktion und selbst Suffizienz dürfen keine verbotenen Orientierungen bleiben. Wohlstand im umfassenden Sinn ist nur sehr bedingt eine materielle Errungenschaft.

  3. Ziel 12 „Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen.“

    Hier treten die genannten Begriffe notwendig in den Vordergrund: Wirklich nachhaltiges Wirtschaften schreckt vor Reduktion oder gar Suffizienz nicht zurück. Vielmehr ist die Frage nach dem „Ob“ und „Wie wenig“ der Ausgangspunkt nachhaltigen Denkens. Nachhaltiges Wirtschaften baut auf der Frage von Sinn und Nutzen auf und behält seinen Fokus darauf.
    Um Nachhaltigkeit schließlich zu honorieren, ist notwendig, sie verlässlich und eindeutig erkennbar zu machen. In dieser Absicht unterstützt die GfaW die Bemühungen der Bundesregierung, klare Zeichen zu setzen. Eine Möglichkeit Qualitätsmaßstäbe zu transportieren sind entsprechende Siegel. Hier liegt großes Potenzial darin, neben dem berühmten Umweltengel und anderen gesetzlichen Standardzeichen die bestehenden anspruchsvollen freiwilligen Umwelt-, Sozial- und insbesondere Nachhaltigkeitssiegel anzuerkennen, zu publizieren und zu nutzen.
    Eine wichtige Initiative in diese Richtung ist das von der Bundesregierung eingerichtete Online-Portal „Siegelklarheit“. Durch eine angemessene und anspruchsvolle Bewertung bestehender Qualitäts-Label wird an dieser Stelle für Konsumenten Transparenz und Orientierungsmöglichkeit geschaffen. Das Portal sollte ausgebaut, kontinuierlich aktualisiert und mit ausreichender Expertise aus dem Spektrum bestehender Institutionen und Initiativen ausgestattet werden – auch, um eine Verwässerung der dort maßgeblichen Nachhaltigkeitskriterien zu vermeiden. Explizit setzt sich die GfaW für ein hohes Niveau bei der Bewertung derjenigen Siegel ein, die letztendlich empfohlen werden. Dabei sollten insbesondere Standards Verwendung finden, die noch deutlich über die Anforderungen des Umweltengels hinaus gehen (Siegel der Anbauverbände, ökologische Produkt- und andere Bio-Siegel, CSE Certified Sustainable Economics usw. – siehe auch
    www.labelonline.de).

    Ein weiterer sehr wirksamer Schritt Richtung Nachhaltigkeit dürfte die öffentliche Förderung einer Umstellung sein. Angelehnt an die Umstellungsförderung im ökologischen Landbau kann eine etwa 3jährige Unterstützung Unternehmen ohne Zweifel helfen, Produktionsweisen und Strukturen umzustellen und eine Zertifizierung zu durchlaufen. Bereits eine staatliche Beteiligung an den Kontrollkosten dürfte die Bereitschaft zu einer Nachhaltigkeitszertifizierung erheblich steigern. Vor dem Hintergrund, dass wenig nachhaltig wirtschaftende Unternehmen nach wie vor ihre Kosten auf die Gesamtgesellschaft abwälzen, macht eine öffentliche Unterstützung gemeinwohlorientierter Unternehmen volkswirtschaftlich mehr als Sinn.